Retro Longplay-Review: Turrican II – The Final Fight (Amiga 500)
Sonntag, 9. August 2009 19:36
(Ich schreibe ein Retro Longplay-Review aus der Sicht eines Spielredakteurs im Jahre 1991, kurz nachdem dieses Spiel erschien. Ich versuche das Fachjargon und den “Spirit” aus jener Zeit einzufangen.
Mit diesem Review habe ich mir auch ein kleinen Traum erfüllt, einmal etwas über dieses Spiel zu berichten. Auch wenn es bewusst mit einem zugekniffenem Auge arg übertrieben geschrieben wurde, bedeutet dieses Spiel mir tatsächlich ein Meilenstein in meinem Leben.)
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Retro Longplay-Review: Turrican II – The Final Fight (Amiga) von 1991
Factor 5, Rainbow Arts

Der Titelbildschirm
Gameplay:
Nach dem grandiosem Turrican, dem ersten Teil auf dem C64 und dem Amiga, war ich mehr als gespannt, wie sich der Nachfolger spielen wird. Da die C64 Version erst in wenigen Tagen erscheinen soll, die Amiga-Fassung aber bereits fertig ist, teste ich eben auf dem großen Bruder des Brotkastens. Also schnell die Diskette in den Amiga eingelegt, und schon kann es log gehen. Als erstes fallen die angenehm kurzen Ladezeiten auf. Es dauert nicht lange, bis ein Laserstrahl das Rainbow Arts Logo frei brennt. Kurz darauf sind wir auch schon im Titelbildschirm von Turrican II. Wer jetzt nicht sofort die Feuertaste drückt, um das Spiel zu beginnen, der wird über die Vorgeschichte des Spiels informiert.
Endlich erfahren wir den Namen des Helden, den wir steuern: Bren McGuire. Er ist Besatzungsmitglied des United Planets Ship Avalon 1, eines Sternenschiffs, welches von finsteren Space-Mutanten unter der Führung von The Machine angegriffen und gekapert wird. In letzter Sekunde kann er sich noch in einer der Turrican-Kampfanzügen flüchten und fürchterliche Rache schwören. Die Geschichte wird dabei in feinster Comicgrafik präsentiert.
Mit Druck auf die Feuertaste des Joysticks wird das Spiel gestartet.
Schon finden wir uns auf einer Landschaft wieder, welche dem ersten Level des ersten Teils stark ähnelt. Doch ist diese Landschaft sehr viel lebendiger und idyllischer, wäre sie nicht von gegnerischen Walkern, Wespen und anderen Robotern bevölkert. Bereits im ersten Level wird der gigantischer Umfang von Turrican II bewusst. Egal wie weit man läuft, das Level mag kein Ende nehmen!
Wir kämpfen uns an der Oberfläche und durch ein Höhlensystem durch, bis wir endlich den ersten großen Boss gegenüber stehen. Und “Boss” ist in diesem Fall wörtlich zu nehmen, ist doch dieser Gegener glatt drei mal so groß wie unser eigener Held. Sein Herumgehüpfe irritiert uns jedoch nicht und im Gesicht ist er auch am verwundbarsten, so dass wir ihn schnell besiegen können.

Trotz seiner größeren Knarre sind wir stärker; sein Gesicht ist seine Achillesverse.
Doch mit diesem Boss ist das Level nicht etwa vorbei. Dies war lediglich nur der erste Zwischengegner des Levels! Tatsächlich ist das Level nochmal so groß.. jetzt wird einem auch das unerbittliche Ablaufen der Zeit bewusst, die wir noch übrig haben, um das Level zu meistern. Wir müssen sprichwörtlich die Beine in die Hand nehmen.
Das nächste Level ist Level 1.2, so ist es grafisch sehr an 1.1 angelehnt. Doch hier findet man noch mehr und größere Wasserfälle, durch die man sich kämpfen muss. In diesem Levelabschnitt haben die Gegner sogar gelernt, zu fliegen.

In der schützende Kreiselform ist Bren McGuire unverwundbar, kann am Boden zumindest diesen Zwischengegner so nicht besiegen..
Wie im ersten Turrican Teil kann sich der Held in eine schützende Kreissägenform verwandeln, in der er keine Lebensenergie abgezogen bekommt, sondern tatsächlich seine Gegner verletzt. Dies kann er jetzt beliebig oft machen. Allerdings kann man in der Kreissägenform keine Schüsse abfeuern, sondern nur Minen legen, die nach einigen Sekunden detonieren.
Waffenmodi
Im nächsten Level wird ganz klar, wieso Turrican verschiedene Schussmodi hat. Je nachdem welches Upgrade man für seine Waffe aufgesammelt hat, feuert die Waffe anders: Streuschuss, Laser und Bounce. Mit dem Streuschuss feuert mehrere in verschiedenen Richtungen von seinen anfänglichen Standardsalven ab. Schwach zwar, aber man hat diese Waffenart schnell ausgebaut und man trifft mehrere Gegner gleichzeitig, bzw. einfacher. Der Laser lässt sich in sehr vielen Ausbaustufen upgraden, bis er eine zu einer mächtigen Feuerwand ausgebaut ist; die stärkste Waffe im Spiel, dafür trifft sie nur horizontal in Blickfeld des Spielers. Bounce ist eine kräftige Kugel, welche in viele kleine Kugeln zersplittert und in alle Richtungen fliegen, wenn sie auf ein Hindernis trifft. Bounce ist zwar schwächer als der Laser, aber in engen Gängen ist Bounce eindeutig die stärkere Waffe, weil man damit auch die Chance hat, Gegner hinter dem Spieler zu treffen (und sei es nur zufällig).

Unter Wasser “tauchen” die Gegner aus allen acht Richtungen auf!
Im Level 2.1 geht Bren McGuire baden. Unter Wasser kann er zwar in alle acht Richtungen schwimmen, allerdings kann er seinen Surroundschuss nicht mehr benutzen. Das ist in diesem Level ein echtes Manko, denn unter Wasser kommen die Gegner auch aus allen Richtungen! Wer in diesem Level Hals über Kopf davon stürzt, der hat schneller ein Leben verloren, als einem lieb ist.
Aber auch auf der trockenen Seite hat man es in Level 2 nicht einfacher, so muss sich Turrican durch eine Höhle voller Spinnen und deren Spinnenweben kämpfen.

Ein Fortkommen ist nur dann möglich, wenn sich der Spieler durch die Spinnweben schiesst. Dahinter warten gleich die achtbeinigen Krabbelgegner.
Wer es bis zum Ende des Levels geschafft hat, dem wird sehr wahrscheinlich der Mund offen stehen bleiben, wenn er auf den überdimensionalen Gegner trifft. Überdimensional trifft es sehr gut, ist doch dieser Gegner gleich geschätzte drei bis vier Bildschirme groß!
Doch trotz seiner vier Lasergeschützen und zwei Greifarmen hat es Turrican nicht sonderlich schwer, sich diesem Übergegner zu wehr zu setzen, da er seinen Gegner aus einem Versteck heraus mit seinem Surroundschuss sehr arg zusetzt.

Großes Maul, doch nichts dahinter. Doch sollte er Turrican einmal zu packen bekommen, verliert er sofort ein Leben!
Wer glaubt, dass Turrican II bloß ein reiner Plattform Shoot’n'Jump’n'run ist, der wird nach besiegen des Entgegners flugs artig eines besseren belehrt. So steigt Bren McGuire doch glatt in ein leibhaftigen DS-H75 Eaglefighter wie wir ihn noch aus dem Shoot’em’up Katakis kennen! Wenn das nicht mal eine spontane Gänsehaut hervorruft!

Turrican startet im DS-H75 Eaglefighter voll durch! Den schützenden Satelliten lassen wir jedoch leider im Hangar.
Die Gänsehaut möchte auch gar nicht erst weichen. So ist das komplette Level 3 genau das, was ein Katakis II hätte werden können! Ok, man hat im Raumschiff weiterhin die Waffen im Einsatz, die Turrican auch schon benutzt: Steuschuss, Bounce, Laser (eindeutig empfohlen!), kann auch seine Line-Waffe benutzten, um einmal den Bildschirm von Gegnern zu befreien. Allerdings funktioniert hier freilich der Surround-Schuss nicht.
Turrican ballert sich anfangs noch nur horizontal mit konstanter Geschwindigkeit in seinem Eaglefighter durch das Level; genau so wie wir es von Spielen wie Karakis, R-Type oder Gradius kennt. Doch spätestens im zweiten Levelabschnitt wird diese Konstante wieder verworfen und der Eaglefighter bewegt sich sanft in alle acht Richtungen, ballert jedoch immer nach horizontal-rechts. Plötzlich wird der Bounce die Primäre Waffe. Denn weder mit dem Streuschuss noch mit dem Laser hat man eine Chance, Gegner zu treffen, wenn sich plötzlich das Bild vertikal und diagonal bewegt! Hier hat Turrican II – The Final Fight ein neues Subgenre geschaffen!

Etwas Selbstbeweihräucherung muss sein! Drei Jahre nach Katakis beweist Manfred Trenz, dass Katakis noch lange nicht zum alten Eisen gehört!
In Level 4 – namentlich The Wall und The Factory – kämpft man sich durch ein Labyrinth und eine Fabrik. Da man im Fluglevel zuvor sicher viele Leben gelassen hat, beginnt man hier wieder ganz klein; der Surroundschuss ist schwach, die einzelnen Waffenmodi ebenfalls. Da kommt es gerade recht, dass man sich hier wieder ordentlich aufrüsten kann.
Denn gleich im finalem Level 5 macht es deutlich, wieso wie so viele 1-Ups eingeladen haben, wieso wir uns mit dem Sammeln von Diamanten uns Ccontinuous dazu verdient haben. Denn hier haben wir es mit dem schon aus dem Vorgänger Turrican I bekanntem Alien-Level zu tun.
Selbst wenn die Gegner hier nur ebenso viele Treffer aushalten wie in allen anderen Levels, reichen es ihnen oftmals nur ein Treffer, um Bren McGuire zu besiegen.
Als besonders hinterhältig gelten hier die Alienfratzen, die aus den Wänden wachsen und mit ihren zweiten Mündern nach Turrican schnappen und sofort verschlingen. Auch die Alienlarven aus ihren Eiern sind gefährlich. Wenn sich diese aus den Alienfilmen bekannten Facehuggern an das Visier des Turrican-Kampfanzuges haften, reichen Bren McGuire keine zwei Sekunden mehr, bevor er verstirbt.

Hat sich erst einmal ein Facehugger an Euer Visier festgehangen, hilft nur noch die Verwandlung in die Kreissägenform, um sich davon zu befreien.
Hat man sich durch das Alienlevel und einem aussergewöhnlichem Aufzug-Liftlevel durchgekämpft, steht man endlich seinem Erzfeind gegenüber: The Machine!
Anders als noch im Manga-Comic Intro ist er diesmal auf Bildschirmgröße angewachsen!

Trotz seines gigantischen Jetpacks bewegt sich The Machine sehr behäbig von oben nach unten. Wenn man ihm auf den Kopf tanzt und ihn ihm Visier trifft, hat man ihn schnell besiegt!
Hat man seinen Gegner besiegt, bekommt man noch jede Menge Bonuspunkte.
Es wird eine kurze Endsequenz abgespielt, wobei der grandiose Song Freedom gespielt wird. Du hast die Welt von allem Übel befreit, Du bist der Held!

Nur leider etwas über 1Mio Punkte erhalten. Für das Review bin ich quasi durch das komplette Spiel gerannt. In meinen Glanzdurchläufen schaffe ich an die 2Mio Punkte. Hätte ich nicht so viele Leben gelassen, die ich verloren habe, weil ich während des Spielens Bildschirmfotos machen musste, wären deutlich mehr Punkte drin gewesen!
Leider ist mir beim Laden der Endsequenz der Amiga abgestürzt, so dass ich zum gegenwärtigem Zeitpunkt von dieser Sequenz kein Screenshot nachreichen kann.
Graphik:
Grafisch wird nahezu alles machbare aus dem Amiga herausgekitzelt. Der Screen bewegt sich butterweich ich alle acht Richtungen. Es werden zu jeder Zeit alle 32 mögliche Farben aus 4096 möglichen auf dem Bildschirm gebracht. Turrican II – The Final Fight setzt hier ganz klar einen neuen Meilenstein des technisch Machbaren.
Sämtliche Sprites werden liebevoll dargestellt und animiert. Wenn Turrican seinen Surroundbeam einsetzt, sind dutzende Animationstufen verantwortlich, um einen sauberen 360°-Rundumschuss darzustellen.
Das Spiel ruckelt an keiner Stelle, zu jeder Zeit sind volle 50 Bilder pro Sekunde zu bewundern. Wann hat man so etwas schon?
Sound & Musik:
Was Soundhexer Chris Hülsbeck uns hier vorlegt, wird noch in hundert Jahren in den Hitparaden zu hören sein!
Quasi jede Levelmelodie hat Ohrwurmcharakter, vom grandiosen Titelohrwurm mal ganz zu schweigen!
Aber auch die Soundeffekte verdienen eine besondere Beachtung. Egal, welches Upgrade man aufsammelt, es wird mit kristallklarer englischen Sprache dokumentiert. Zu keiner Zeit hat man den Eindruck, dass das Abspielen von Soundeffekten der Levelmusik Stimmkanäle wegnehmen würde. Hier wird einfach der vierkanalige Soundchip des Amigas überdimensional ausgenutzt!
Ein ganz besonderer Tipp:
Wenn man im Titelbildschirm die Space-Taste betätigt, kommt man ins Soundmenü des Spieles. hier hat man die Möglichkeit, alle Songs des Spiels anzuhören.
Würde man jeden Song in voller Länge auf Schallplatte oder Compact Audio Disc aufnehmen, bräuchte man glatt zwei Scheiben!
Wiederspielbarkeit:
Wenn man so wie ich für das Longplayreview nur schnell durch das Spiel rennen, sieht man nur ein Bruchteil des Spieles. Es gibt im Spiel einige Abkürzungen und daneben sehr viel zu entdecken. Den Fan motiviert dies enorm.
Aber auch das Ziel, am Spielende deutlich über 2 Mio. Punkte zu kommen, sollte sich jeder einmal gesteckt haben!
Jeder, der in dem Genuss kam, es aufgrund seines enormen Schwierigkeitsgrades wenigstens einmal durchgespielt zu haben, wird es noch ein weiteres mal durchspielen wollen.
Gesamt/Fazit:
Turrican II – The Final Fight ist jetzt schon ein Meilenstein in der Computerspielebranche. So viel steht schon einmal fest. Standen beim Vorgänger besonders beim C64 schon die Münder offen, wie es Manfred Trenz geschafft hat, ein so gigantisches Spiel auf dem C64 zu zaubern, wird dies auf dem Amiga 500 noch einmal übertroffen.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die “Umsetzung” auf dem C64 schlagen wird (tatsächlich wird Turrican II auf dem C64 die ursprüngliche Version sein, obwohl sie auf dem Amiga 500 als erstes erscheint..).
Ich wage sogar zu behaupten, dass dieses Spiel noch in zwanzig Jahren zu überraschen weiß.
Eine Besonderheit: Dieses Spiel unterstützt Joypads mit zwei verschiedenen Feuerknöpfen.
Wer also ein Sega Mega Drive Pad sein eigen nennt, kann es gerne an seinen Amiga 500 anschließen. Durch betätigen der zweiten “B”-Taste erspart man sich den Griff zu Spacetaste des Amigas, um den Line-Schuss abzufeuern oder sich in den Kreisel zu verwandeln. Da man jedoch mit dem D-Pad nach oben springen muss, ist diese Art der Steuerung jedoch recht unkonfortabel, so dass sich die Kombination aus Competition Pro in nähe des Amigas bewährt hat.
Bewertung: 9/10 Punkte
Trotz aller Lobhudelei vergebe ich 9 von 10 Punkten. Dies tue ich ganz gewiss nicht aus technischer Hinsicht! Leider gibt es die eine oder andere öde oder unausgewogene Stelle im Spiel.
Schwachpunkte sind ganz klar das Level 4.1 aka “The Wall”, welches eintönig und langweilig herrüber kommt. Und auch das extrem knapp bemessende Zeitlimit im allererstem Level 1.1 ist zu arg. Man kann gar nicht alles gesehen haben, bevor die Zeit und damit ein Leben abgelaufen ist, egal wie sehr man sich beeilt.
Ich richte meinen Lob und meinen Dank in Richtung Köln und Gütersloh für diese Glanzleistung der Spieleprogrammierkunst!
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Alle Screenshots wurden von mir angefertigt. Gestern am 08.08.2009, unter Ubuntu 9.04 mit dem UAE 0.8.28 und eines original Competition Pros OHNE Dauerfeuer per USB.
Thema: Allgemein | Kommentare (0) | Autor: elthas